17.03.2017

Reisebericht: Weihe des Hauses - Die Staatskapelle zu Gast in der neuen Elbphilharmonie

Zum Abschluss der kleinen Deutschland-Tournee der Staatskapelle stand Hamburg auf dem Programm: ein Besuch in der neuen Elbphilharmonie. Groß war die Neugier der Musiker und der mitreisenden Dresdner Journalisten (DNN, SäZ, MoPo, dpa, MDR, DRadio) auf das Haus, das die öffentliche Hand ursprünglich 77 Millionen Euro kosten sollte – und für die Stadt Hamburg am Ende mit 789 Millionen Euro zu Buche schlug. Simple Frage also: wie klingt das Ergebnis?

Zuerst doch noch einmal zum Aussehen.

Das Gebäude der Elbphilharmonie ist fantastisch geraten – und monumentaler als gedacht: 110 Meter misst es an der höchsten Stelle, und bereits im Anflug auf den Helmut-Schmidt-Flughafen ist gut zu sehen, wie es majestätisch über der Stadt thront.
Die Oberflächen der beiden Säle sind aus speziell gefrästen Eichenholz- (Kleiner Saal) bzw. zehntausend individuell gefrästen Gipsplatten, die den Klang an jeder Stelle des Saales möglichst optimal gestalten sollen. Die Einrichtung wirkt edel; es gibt dunkle, polierte Wände, gebürstete und glatte Flächen, viel Holz und organische, fließende Formen in Glas und einem fiberglasartigen Material aus dem Schiffsbau, etwa an den Außenbalkons.

Infrastrukturell erscheint die Elbphilharmonie noch nicht vollends eingespielt. Beim Verlassen der Halle müssen die Besucher lange an der achtzig Meter langen Rolltreppe warten; überhaupt wirkt das Viertel rund um die Philharmonie noch etwas steril und noch nicht "eingespielt". Das werden sicherlich die nächsten Monate richten.

Nun aber zum wichtigsten, meinem Klangeindruck im Saal.

Während der Anspielprobe der Kapelle hatte ich Gelegenheit, das Orchester von verschiedenen Orten, von ganz oben (Rang X, aus 25 Metern Höhe), von ganz hinten, ganz vorn, von den Seiten und von den "optimalen", mittelhoch zentral vorm Orchester liegenden Plätzen (wo Sie vielleicht die Politikerriege in der Übertragung des Eröffnungskonzert gesehen haben) zu hören. Erstaunlich ist, wie klar und doch rund das Orchester in diesem von Yasuhisa Toyota gerechneten Saal klingt. Ganz fantastisch fand ich den Klang von direkt unter dem Dach, wenn man in Höhe des an ein Ufo erinnernden Kronleuchters sitzt. Durchhörbar, in allen Registern gut abgestimmt und vor allem, wie Friedwart Christian Dittmann bestätigt, atemberaubend bis ins feinste piano klingt das. Auch mischt sich der Klang im Saal an vielen Stellen besser, als es die Übertragung des Weihekonzerts manchmal vermuten ließ (oder war das NDR an diesem Abend besonders aufgeregt und zu 'spitz' drauf?). Mit der noblen Suntory Hall kann sich das Elbwunder nun sicher nicht messen, aber Respekt nötigen einem die Gipsplatten-Klangfeiler ab. Das Ergebnis ist vielleicht einen Tick hanseatisch-spröder geworden als die guten Hallen der Welt. Ich freue mich darauf, hier hoffentlich bald mehr und auch anderes zu hören als Wagnersche Tsunamis.
Auf Richard Wagner nämlich war das Programm des Gastkonzertes (das innerhalb der Abo-Reihe »Internationale Orchester der Luxusklasse« stattfand) beschränkt, nachdem Sofia Gubaidulina aus Krankheitsgründen die geplante Uraufführung nicht rechtzeitig fertigstellen konnte. In der ersten Konzerthälfte erklang der 1. Aufzug der »Walküre«, nach der Pause Siegfrieds Rheinfahrt, der Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang aus der »Götterdämmerung«. Neben Christian Thielemann und natürlich dem Orchester bekamen Anja Kampe («Sieglinde» und «Brünnhilde»), Stephen Gould (Siegmund) und Georg Zeppenfeld (Hunding) stürmischen, minutenlangen Beifall für diesen Abend. Das Presse-Echo war denn auch dementsprechend lobend bis enthusiastisch, allenfalls die WELT konstatierte trocken: "Elphi mag Wagner nicht". Der Autor relativierte immerhin: "Wie Thielemann das Werden der Welt im Tagesgrauen aus dem Pianissimo-Raunen der tiefen Streicher hervorwachsen lässt, wie er mit seinem Orchester behutsam die Steigerungszüge des Trauermarschs ausmusiziert, das bleibt Wagner-Weltklasse. Er kann nichts dafür, dass der finale Weltenbrand von einer gnadenlosen Akustik in blechbläserbrutalem Fortissimo niedergewalzt wird und das violinenseidige Erlösungsmotiv hier keine Chance zum Aufblühen und Aufscheinen einer besseren Welt erhält."

Womit wir beim letzten Abschnitt angekommen wären, bei meiner eigenen, leisen Kritik an dem Saal. Bei groben Publikumsschnitzern wie etwa Handyklingeln oder unbekümmerten Hustern fechte ich innerlich schon einmal harte Kämpfe aus. Am liebsten hätte ich – sicherlich stimmen da manche von Ihnen zu – die Kapelle immer mal nur für mich, und kann da jedenfalls diverse bayerische Regenten gut verstehen. Mit andern Worten: ein Publikum ist bei einem Konzert ja grundsätzlich eher von Übel, und jeder tue gut daran, seine Mithörer so wenig zu stören wie möglich. In der Elbphilharmonie aber wird einem das sehr schwer gemacht. Die Akustik des Saales ist eben nun einmal auf feine Abstufungen hin designt, und hier werden die sanfte Ansprache der dritten Flöte genauso behandelt wie der unterdrückte Huster in Rang K: man hört sie, deutlich bis schneidend. Bei leisen Orchesterstellen konnte ich die begeistert geflüsterten Bemerkungen ein paar Reihen hinter mir wortwörtlich verstehen. Und natürlich, wen wundert’s, gibt es auch im Großen Saal der Elbphilharmonie richtig schlechte Plätze. Niemandem seien bei "Walküre"- und "Götterdämmerung"-Ausschnitten beispielsweise die Plätze empfohlen, die der private Veranstalter den Dresdner Kritikern überlassen hatte: Reihe 1 Mitte im Parkett. Für die Ohren war das kein Vergnügen. Und natürlich ist bei Gesangsparts aus physikalischen Gründen eine gewisse Monodirektionalität anzunehmen. Wer hinter dem Orchester sitzt, hat hier im wahrsten Sinn des Wortes schlechte Karten.

Den großartigen Eindruck, den die Hamburger und augenscheinlich auch viele weitgereiste Gäste von diesem Kapellgastspiel mitnehmen konnten, wird wohl niemand so schnell vergessen. Wieder einmal hat sich gezeigt: ein großartiges Ensemble wird auch in einem für die Künstler anspruchsvollen, "nervösen" (Dittmann) Saal nach kurzem Einklingen einen atemberaubenden Klang bieten können. Worauf ich mich freue? Auf ein hoffentlich bald nachgeholtes Gubaidulina-Konzert, vielleicht auf ein Gastspiel mit Nikolaj Znaider oder eine Henze-Sinfonie unter Thielemann in diesem feinen Saal. Das "Luxusklasse"-Abonnement lockt!

Martin Morgenstern